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Prof. Dr. Emil Kautzsch

Textbibel

Das Alte Testament

Das Buch Hiob.

Kapitel 31.

Letztes Selbstgespräch Hiobs über sein einstiges Glück (Kap. 29) und sein grenzenloses Elend (Kap. 30) trotz seiner aufrichtigen Frömmigkeit (Kap. 31). (Fortsetzung)

1 Strenge Vorschrift gab ich meinen Augen,
und wie hätte ich auf eine Jungfrau lüstern blicken sollen!
2 Was wäre da die Zuteilung von Gotte droben
und das Verhängnis des Allmächtigen in Himmelshöhen?
3 Ist es nicht Verderben für den Frevler
und Unglück für die Übelthäter?
4 Sieht er nicht meine Wege
und zählt alle meine Schritte?

5 Wenn ich mit Lüge umging,
und mein Fuß dem Truge nachjagte, -
6 es wäge mich Gott mit rechter Wage,
daß er meine Unschuld erkenne! -
7 wenn mein Schritt vom rechten Weg abwich,
wenn mein Herz meinen Augen nachging,
und an meinen Händen ein Makel klebte,
8 so will ich säen und ein andrer möge essen,
und meine Schößlinge mögen ausgerissen werden.

9 Wenn sich mein Herz wegen eines Weibes bethören ließ,
und ich an der Thüre meines Nächsten lauerte,
10 so möge mein Weib einem anderen mahlen,
und andere mögen sich über sie strecken.
11 Denn eine Schandthat wäre das,
ein Vergehen, vom Richter zu strafen,
12 ja, ein Feuer, das bis zum Abgrund fräße
und alle meine Habe entwurzeln müßte.
13 Wenn ich das Recht meines Knechtes verachtete
und das meiner Magd, wenn wir im Streite waren -
14 was wollte ich auch thun, wenn Gott sich erhöbe,
und wenn er untersuchte, was ihm erwidern?
15 Hat nicht, der mich erschuf, im Mutterleib auch ihn geschaffen,
und hat nicht Einer uns im Mutterschoß bereitet? -
16 Wenn ich Geringen einen Wunsch versagte
und die Augen der Witwe verschmachten ließ,
17 wenn ich meinen Bissen allein verzehrte,
und die Waise nicht ihr Teil davon genoß -
18 nein, seit meiner Jugend wuchs sie mir auf wie einem Vater,
von Mutterleib an leitete ich sie -
19 wenn ich einen Verkommenden sah ohne Gewand
und ohne Decke einen Armen,
20 wenn seine Hüften mich nicht gesegnet haben,
und er sich nicht erwärmte von meiner Lämmer Schur. -
21 Wenn ich gegen eine Waise meine Faust geschwungen,
weil ich im Thore Beistand für mich sah,
22 so möge meine Achsel aus ihrer Schulter fallen,
und mein Arm mir aus seiner Röhre gebrochen werden.
23 Denn furchtbar war mir das von Gott verhängte Verderben,
und ohnmächtig bin ich vor seiner Majestät.

24 Wenn ich Gold zu meinem Hort gemacht
und Feingold meinen Trost genannt habe,
25 wenn ich mich freute, daß mein Schatz so groß,
und daß meine Hand so viel erworben -
26 Wenn ich das Sonnenlicht betrachtete, wie es strahlte,
und den Mond, wie er so prächtig dahinwallte,
27 und mein Herz sich insgeheim bethören ließ,
und meine Hand sich zum Kuß an meinen Mund legte -
28 auch das wäre ein Vergehen, vom Richter zu strafen,
weil ich Gotte droben geheuchelt hätte -
29 Wenn ich mich freute über das Unglück meines Feindes
und frohlockte, wenn ihn Unheil traf, -
30 aber nie habe ich meinem Munde gestattet, zu sündigen,
indem ich ihm fluchend den Tod anwünschte -
31 Wenn meine Hausgenossen nicht sagen mußten:
"Wann wäre jemand von seinem Fleische nicht satt geworden!"
32 Der Fremdling durfte nicht im Freien übernachten,
meine Thüren öffnete ich dem Wanderer -
33 Wenn ich, wie Menschen thun, meine Sünden verheimlichte,
indem ich meine Schuld in meinem Busen verbarg,
34 weil ich mich scheute vor der großen Menge,
und die Verachtung der Geschlechter mich schreckte,
so daß ich mich still verhielt, nicht aus der Thüre ging -
38 Wenn über mich mein Acker schrie,
und insgesamt seine Furchen weinten;
39 wenn ich seinen Ertrag ohne Entgelt verzehrte
und seinem Besitzer das Leben ausblies -
40 so sollen statt Weizen Dornen aufgehen
und statt der Gerste Unkraut.
35 O wäre doch, der mich anhören wollte!
Hier meine Unterschrift - der Allmächtige antworte mir!
Und hätte ich doch die Klageschrift, die mein Gegner schrieb!
36 Fürwahr, ich wollte sie auf meine Schulter heben,
als Diadem mir um die Schläfe winden;
37 ich wollte ihm jeden meiner Schritte künden
und wie ein Fürst ihm entgegen treten!
Hier enden die Reden Hiobs.